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Monte Brento - „Via degli amici“

 

Schon lange versuchte mich Viktor für die „Via degli amici“ , die klassische Route durch die gewaltige, 1000m hohe Ostwand des Monte Brento, zu begeistern. Allerdings hatte ich bisher zu alpinen Gruseltouren dieser Art einen gewissen Respektabstand gehalten. In diesem Jahr, warum auch immer, bin ich zu solchen Schandtaten jederzeit bereit, die Wetterbedingungen sind gut und so starten wir abends am 28. Mai Richtung Sarcatal.
                                                                         
Dort angekommen, fahren wir in endlosen Kehren die Strasse von Arco nach San Ciovanni
hinauf. Um den langen Abstieg Knie schonender zu gestalten, wollen wir unsere Fahrradln dort deponieren. Wieder zurück in Pietra murata kehren wir noch einmal ein, um bei einem großen Teller italienischer Nudeln und einem Glas Wein Kalorien für den nächsten Tag zu bunkern und ab geht’s zum Cavedinesee, wo wir übernachten wollen. Während ich die kurze Nacht  komfortabel im Daunenschlafsack auf der Uferwiese verbringe, muss sich Viktor mit der harten Ladefläche des Autos begnügen (Schlafsack vergessen!).                                                

Um 3h 45min klingelt der Wecker und kurz darauf sind wir schon mit der Stirnlampe zum
Einstieg unterwegs. Die erste Seillänge verheißt nichts Gutes,  60m, vierter, fünfter Grad,
1 Haken. Wir losen, wer zuerst geht, ich „gewinne“. Das Gelände ist sandig, brüchig, unsicherbar, die Linie undefiniert. Wie soll ich da den einen Haken finden. Egal, auf geht`s. In 20 m Höhe werfe ich einen Blick zum Wandfuß und überlege ob das Geröll dort unten grob oder fein, locker oder fest, steil oder flach ist, eine entscheidende Frage wenn ich da unten einschlage. Der ersehnte Haken ist da, ich klinke, das Schuttkar ist vergessen, der Blick richtet sich wieder nach oben zu den gewaltigen gelben Dächern hoch über uns. Diese beeindruckende Wand ist das Ergebnis des gewaltigsten Bergsturzes, der je in den Alpen stattgefunden hat. Nach dem Rückzug der Gletscher in der letzten Eiszeit  kam die Stabilität der Wände im Sarcatal so durcheinander, dass ganze Bergflanken zu Tal stürzten. Damals kamen 187 Mio. Kubikmeter Gestein herunter, welcher Geologe auch immer das ausgerechnet haben mag. Auf jedenfalls zeugt das riesige Trümmerfeld  im Thlboden auf einer Fläche von 14 Quadratkilometern, die sogenannte Marocche, von diesem ungeheuren Ereignis.

Zweite Seillänge. Wieder ist kein eindeutiger Routenverlauf  auszumachen, Viktor quert über ein fußbreites Grasband weit nach links in einen riesigen Plattenschuß, um bald darauf mangels Sicherungsmöglichkeit wieder zurück zu kommen. Ein anderer Weg wird gefunden und es geht weiter. Unter ständigem Steinschlag bringen wir die restlichen Seillängen der Zustiegsverschneidung hinter uns.
Wir sind am Beginn der 250m langen Kaminverschneidung, die den Mittelteil der Route bildet. Es wird steiler, teilweise 6.Grad, der Fels wird fester und die Kletterei macht zeitweise sogar Spaß, obwohl so manche Seillänge keinen einzigen Haken beherbergt. Der Berg scheint hier gradezu gespalten zu sein. Ab und zu ermöglicht der Kamin einen Blick ins Innere des Berges. Ein kalter Wind weht aus dem unheimlichen Dunkel. Wie tief es da wohl hineingeht? Keiner weiß es. Immer wieder ist man fasziniert von der Steilheit dieser Wand, die auf den letzten 600 m konsequent überhängt. Knapp rechts neben uns muss irgendwo Heinz Steinkötters „Gelbes Geheimnis“ nach oben ziehen, wo er mit seinen Gefährten 1974 nach fast einjähriger Schufterei entnervt aufgeben musste, bevor er sich der Via degli Amici, dem Weg der Freunde, zuwandte. Sozusagen als Notlösung.

Den letzten Stand in der langen Kaminreihe schmückt ein einzelner rostiger Haken. Ich dresche einen Zweiten dazu und Viktor kommt nach. Es geht nach links auf ein breites grasiges Band mit ausgewachsenen Bäumen, die von der Straße aus wie kleine Sträucher wirken. Das Wetter ist bestens, wir liegen gut in der Zeit, Grund genug für eine kleine Pause um etwas zu essen und zu trinken.

 

Die Schlüssellänge folgt: 30m, 6+, ohne Sicherungen. „Der Riss schaugt super aus“, sind wir uns einig. Wie ich gleich merken werde, ist der Fels weniger super. Jeder zweite Griff wackelt und mit zittrigen Beinen erreiche ich den angepeilten Sicherungspunkt, ein Spalt in 6m Höhe, wo ich einen Friend verlässlich unterbringen kann. Brüchig geht es weiter, gar nicht super.
Kaum zu glauben, dass man in solchen Stresssituationen Zeit zum Denken hat. Alle möglichen Gedanken schießen mir durch den Kopf. Gerade rauscht wieder einer der Basejumper an uns vorbei, die sich in regelmäßigen Abständen von einer Felsnase am Gipfel des Brento in die Tiefe stürzen. Gehöre ich auch zu diesen Adrenalinjunkeys, die die Todesnähe suchen, um möglichst intensiv zu spüren, dass sie am Leben sind?  Nein. Solche Seillängen zu klettern ist vielmehr der Preis, die Eintrittskarte, um diese Arena aus Fels und Tiefe betreten zu dürfen. Nur dass man die Höhe des Eintrittspreises erst erfährt wenn man schon in der sprichwörtlichen Scheisse steckt.  Hier ist der Preis hoch, aber man wird belohnt mit unvergleichlichen Eindrücken. Heilfroh erreiche ich den Stand.
 Die nächste Seillänge sollte ein ähnliches Erlebnis für Viktor bereithalten. Nach einem kurzen Aufschwung verschwindet er aus meinem Blickfeld und es beginnt endloses Warten. Den spärlichen Seilbewegungen nach zu schließen, muß er Probleme haben. Mehrmals ruft er mir etwas zu, aber ich kann ihn nicht verstehen. Er klettert die gesamten 60m Seil aus und endlich kann ich nachkommen. Jetzt verstehe ich, was los war, der nächste Stand ist nicht vorhanden. Intelligenterweise hängt unser Hakensortiment an meinem Gurt, also musste er weiter in sicherungsfeindlichem Gelände nach links queren bis zum übernächsten Stand. Eine wahrlich wilde Seillänge. Es folgt eine lange Querung mit Grasbüscheln als Griffe und Stauden als Sicherungspunkte, selten Haken.
Die zwei letzten Seillängen bestehen aus einem Plattenschuß, der einer Asphaltstraße nicht unähnlich ist und in technischer Kletterei bewältigt wird. Anstrengend aber problemlos, wenngleich die alten Stichtbohrhaken nicht immer den besten Eindruck machen.

Der Abstieg zu unseren Rädern wird noch gewürzt mit einer unnötigen Expedition durch den Wald aber schließlich finden wir die Drahtesel und mit rauchenden Bremsen geht es abwärts nach Arco und zurück zum Wagen nach Pietra murata.

     

 

Last update: 27.08.2011 Kontakt: info@karwendler.at
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